Der Tag, an dem mir der Chef der US-Notenbank die Finanzkrise erklärte

Zugegeben, nicht nur mir alleine. Aber doch saß er nur gut zwei Meter von mir entfernt als er vor der “Financial Crisis Inquiry Commission” aussagte. Präsident Obama installierte den Kommission, um die Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu untersuchen zu lassen. An zwei Tagen geht es nun um das Problem “ To big to fail” – Banken sind zu groß und zu wichtig für das System und dürfen deshalb nicht zusammenbrechen. Am Ende des Jahres wird die Kommission einen Bericht veröffentlichen.

Der Untersuchungsausschuss tagte in im Dirksen Senate Office neben dem Kapitol, wo die Senatoren ihre Büros haben. Nach relativ laschen Sicherheitsvorkehrungen (nur die übliche Sicherheitsschranke, kein Ausweis nötig!) fuhr ich in den fünften Stock. Ich erwartete großen Andrang, wann kann man schon mal den Chef der amerikanischen Notenbank öffentlich sprechen hören? Auch mein Professor hatte im Vorfeld empfohlen 30 bis 45 Minuten früher dort zu sein. Das war allerdings nicht notwendig. Von den etwa 60 Zuschauerplätzen waren doch etliche nicht besetzt.

Die Anhörung fand in einem holzvertäfelten Saal statt, helle Strahler, auf Bernanke gerichtet, erhellten den Raum unnatürlich hell. Die zehn Kommissionsmitglieder saßen im Halbkreis vor dem Zeugenstand. Dieser machte durch seine Länge von vier, fünf Metern und seiner grünen Tischdecke den Eindruck eine Minigolfbahn. Oder aber eines Billardtisches mit falschen Maßen. Dort nahm Ben Bernanke um neun Uhr Platz. Er ist sehr klein und offenbar sind ihm in den letzten zwei Krisenjahren nur (sorgsam gestutzte) graue Barthaare gewachsen, auf seine schwarzen Haare, die die glänzende Glatze umrahmen, hatte der Zusammenbruch des Finanzsystem offenbar keine Auswirkungen.

Um neun Uhr ging’s los: Ben Bernanke schwor die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Dann hieß es “Mr. Bernanke, the floor is yours” und er bekam erst mal zehn Minuten Zeit, um sein Anfangsstatement abzugeben. Gleich zu Beginn sagte er, dass er diese Zeit nicht brauchen werde – was kein Wunder ist, bei seiner horrenden Lesegeschwindigkeit. Danach hatte jedes Kommissionsmitglied 15 Minuten Zeit seine Fragen zu stellen, die beiden Vorsitzenden hatten die doppelte Zeit zu Verfügung, wenn ich die Uhr vor Bernanke, die den Countdown runter zählte, richtig verstanden habe.

Es waren wohl mehr Medienvertreter im Saal als Zuhörer. Ein paar Kameramänner und ein halbes Dutzende Fotografen krabbelten in der halbrunden Fläche zwischen den Kommissionsmitgliedern und den Zeugenstand herum, um die installierten Kameras nicht zu verdecken. Sobald der ruhige Bernanke ein bisschen gestikulierte, ging ein Blitzlichtgewitter auf ihn nieder. Alle Fotografen zielten auf ihn und ließen ihre High-End Spiegelreflexkameras klappern, sodass Bernanke kaum mehr zu verstehen war.

Bernanke erläuterte die Auslöser der Finanzkrise und erklärte, dass vor allem sogenannte Shadow-Banks große Schuld haben. Inhaltlich erfuhr ich nicht wirklich etwas neues. Das ganze aber von dem mächtigsten Ökonomen der USA (und damit der Welt) erklärt zu bekommen, hat schon was. Er verteidigte die Politik der FED und erklärte, dass eine Rettung von Lehman Brother’s nur unter Rechtsbruch möglich gewesen wäre. Er erklärte, dass ihm bewusst war, dass wenn es zu einem Zusammenbruch von Lehman Brother’s kommen würde, das katastrophale Konsequenzen für die amerikanische Wirtschaft haben würde.

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