Wer ist weiß und stramm rechts?– Die Tea-Party!
Die Europäer sind noch immer sehr begeistert von Barack Obama, in den USA sieht das ganz anders aus. Seine Zustimmung ist in einem Rekordtief; das ist keine gute Ausgangsposition für die Mid-Term-Wahlen am 2. November.
Während die Wirtschaftskrise in Deutschland die meisten Leute nicht , hat sie die Menschen hier mit großer Wucht getroffen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 9,6 Prozent und besonders die Langzeitarbeitslosigkeit ist sehr hoch. In diesen Zeiten der Unsicherheit sind viele Leute besonders empfänglich für einfach Antworten auf komplexe Fragen. Und genau diese einfachen und populistischen Antworten liefert die Tea-Party.
Anfang September war ein großes Treffen der Tea-Party-Bewegung in Washington DC. Das ganze Wochenende lang waren Herrscharen von Menschen in der Stadt unterwegs – allesamt weiß und in Kleidung, auf denen sooft und so groß wie möglich die amerikanische Flagge abgedruckt war. Sie trafen sich am Lincoln-Memorial. Das empfanden viele Anhänger der Civil-Rights-Bewegung als Affront, haben doch Glenn Beck und Sarah Palin gerade dort ihre Reden gehalten, wo auf den Tag genau vor 47 Jahren Martin Luther King seine berühmte “I Have a Dream”-Rede gehalten. Die Veranstaltung stand unter dem Motto “Restoring Honor” (deutsch: “Wiederherstellen der Ehre”). Was diese die Anhänger der Tea-Party denken, zeigt folgendes Video:
Meine Mitbewohnerin war bei der Rally und sie beschreibt die Menge folgendermaßen:
“The crowd that this rally brought out was kinda Southern, largely middle-aged, really angry, extremely religious, and ENTIRELY white. I walked around D.C. this weekend feeling a little like I’d wandered into some kind of KKK-renewal convention, and I avoided these people the way they probably avoid young black men, crossing streets and averting glances out of fear of assault, because they would happily crucify me”
Die Tea-Party ist eine Sammelbewegung von religiösen Rechten und Wirtschaftsliberalen. Sie verteufeln den Staat im Allgemeinen und Obama im Besonderen. Ihre Forderungen haben sie in zehn Punkten aufgeschrieben, befürwortet ein Politiker mindestens acht von ihnen, hat er den Reinheitstest bestanden und wird von der Bewegung unterstützt. Ihr großes Ziel ist eine zweite amerikanische Revolution.
Ihre sozialen Ansichten sind reaktionär – konservativ ist kein Ausdruck mehr (und wohl eine Beleidung für jeden Konservativen). Sie sind gegen Abtreibung, gegen Homosexuelle und gegen den Islam. Die wirtschaftliche Position lässt sich recht einfach zusammenfassen: Sie lehnen den Sozialstaat ab und befürchten, dass Obama den Sozialismus einführt. Ein wichtiger Auslöser zu ihrer Gründung waren die Rettungspakete der Regierung im Zuge der Finanzkrise.
Vor kurzem endeten die Vorwahlen für die Midterm-Wahlen im November. Vorwahl bedeutet, dass die Mitglieder der demokratischen und republikanischen Partei separat ihre Kandidaten für die Wahl aufstellen. In Delaware konnte sich überraschend bei den Republikanern die Kandidatin der Tea-Party gegen den von der Partei favorisierten Kandidaten durchsetzen. Und diese Frau hat es in sich: Unter anderem findet sie, dass Masturbation vom Teufel komme. Sie hat sich früher als Hexe bezeichnet und am Beginn ihrer Wahlkampfspots sagt sie nun “I am not a witch”. Doch sie ist nicht die einzige mit zweifelhafter Vergangenheit. In einer Aufstellung aller Kandidaten der Tea-Party in der New York Times finden weitere sechs Leute, die Ärger haben wegen nicht bezahlter Steuern oder sexuellen Übergriffen.
Die zwei führenden Köpfe der Tea-Party – der Moderator Glenn Beck und Sarah Palin, die unter einem McCain Vize-Präsidentin geworden wäre – haben beide kein poltischen Ämter inne.
Verstörend ist, dass die Tea-Party gerade unter Armen viele Anhänger hat – gerade die Menschen also, die von einem Sozialstaat – oder hier ganz konkret von der Gesundheitsreform – am meisten profitieren.
Am nächsten Samstag wird die Gegen-Kundgebung, initiiert von dem Talkshow-Moderator Jon Stewart, unter dem Motto “Restoring Sanity” (“Wiederherstellung der geistigen Gesundheit”) stattfinden. Und ich werde dabei sein.
Weiterführende Links:
- “The Movement – The Rise of Tea Party Activism” – eine Reportage darüber, wie die Bewegung entstand im “New Yorker”-Magazin
- “Die reaktionäre Revolution” – Der Spiegelfechter über die Tea-Party-Bewegung
- “Die rechten 68er” bezeichnet die ZEIT die Anhänger der Tea-Party
- Sarah Palins Rede bei der Glenn Beck Rally: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 (Sie spricht dort, nach eigener Aussage, nicht als Politikerin, sondern als stolze Mutter eines Soldaten).
One Trackback to Wer ist weiß und stramm rechts?– Die Tea-Party!